Mehr als Reis

Mangelernährung bei indischen Ureinwohner/innen (Adivasi)

Traditionell und bis vor wenigen Jahrzehnten aßen die meisten Adivasi in den südindischen Nilgiris Bergen gar nicht viel Reis, sondern Hirse, Pilze, Blätter, Früchte und Wurzeln des Waldes, Honig und eiweißreiche Bienenlarven, Fische und Kleintiere. Doch das reichte für die Ernährung kaum aus; vor allem, da immer mehr Pflanzen verschwanden, Jagd den Adivasi verboten war und bis vor wenigen Jahren sogar das Sammeln von Waldprodukten unter Strafe stand. Viele Adivasi legten sich hungrig schlafen oder aßen die einzige Mahlzeit des Tages zur Nacht. Heute ist Reis, das Hauptnahrungsmittel Indiens, auch das Grundnahrungsmittel der Adivasi. Subventionierter Reis ist sehr billig und auch unter den armen Adivasi kann sich heute jeder satt essen. Dabei ist Reis keineswegs gleich Reis, wie auch der Adivasi Kumaran dachte, Patient am Adivasi Krankenhaus in Gudalur: Er verlangte nach seinem gewohnten Reis und wurde zwei Tage vertröstet, sich zu gedulden. Am dritten Tag war der Patient weg – die Krankenschwester lief ihm mit den Medikamenten in sein Dorf nach. Ihre Ernährung so einfach auf Neues umzustellen, das ist nicht typisch für die Adivasi.

Die gute Tat wird zusammen mit den Adivasi neue Wege gehen – denn ihre Ernährung ist heute einseitig und viele sind unter- und mangelernährt. Doch auch, wenn Gemüseanbau für die Adivasi als traditionelle Sammler/innen größtenteils neu ist - es lässt sich auch an Traditionen anknüpfen: Als vor einigen Jahren der bekannte indische Umweltschützer Madhav Gadgil eine Waldsiedlung von Adivasi in den Nilgiris Bergen besuchte, entdeckte er einen kleinen Garten mit einer erstaunlichen Vielfalt an wilden Pflanzen und Knollen und war sehr beeindruckt. Warum er all die Pflanzen gepflanzt habe, fragte er den Adivasi. „Warum? Weil ich sie brauche“, antwortete der.

Hintergrund

Die indischen Ureinwohner/innen (Adivasi) in den südindischen Nilgiris Bergen sind aufgrund von Armut unterernährt. Waldprodukte dienen nur selten als Nahrungsergänzung. Mit geringer Bildung verdienen die Adivasi als Feldarbeiter oder Tagelöhner auf Plantagen und Baustellen zu wenig für eine gesunde Ernährung. Denn während arme Familien zwar von subventioniertem Öl, Mehl, Zucker oder Reis profitieren, sind Milchprodukte und Gemüse sehr teuer. Die Adivasi haben auch nicht genug Geld und Land für Tierhaltung oder Gemüseanbau und wissen wenig über gesunde Ernährung. Dass die Adivasi besonders unterernährt sind, bestätigte das Adivasi Krankenhaus in Gudalur mit einer Datenanalyse: Untergewichtig waren 17 % der Nicht-Adivasi, aber 46 % der Adivasi – von diesen waren 28 % extrem untergewichtig. Armut und mangelnde Bildung sind Hauptfaktoren für Unterernährung, auch dies zeigte die Studie des Adivasi Krankenhauses: Von den Adivasi, die beim Krankenhaus oder bei der Organisation ACCORD angestellt waren, waren nur 15 % untergewichtig (gegenüber 46 % der anderen untersuchten Adivasi). Die angestellten Adivasi konnten sich genügend und gutes Essen leisten. Außerdem wussten sie über gesunde Ernährung Bescheid und gaben ihr Geld weniger für Alkohol und Zigaretten aus. Die Studie empfahl, Adivasi Familien über gesunde Ernährung zu informieren und sie beim Anbau von Gemüse und Nahrungsmitteln zu beraten. Genau dies soll jetzt mit der guten Tat passieren; ein kleines Pilotprojekt war bereits erfolgreich.

Die gute Tat

Die Adivasi in den südindischen Nilgiris Bergen leiden unter Mangelernährung. Die gute Tat unterstützt 600 bis 1.000 Adivasi Familien beim Anbau traditioneller Gemüse und Nahrungsmittel wie Spinat, Kürbis, Drumsticks, Yams und Bohnen. Die Familien erhalten ein Set mit Samen und personelle Unterstützung. Das Projekt findet im Rahmen der Aktivitäten des Adivasi Netzwerks AMS statt, welches in etwa 300 Dörfern ca. 15.000 Adivasi organisiert. Auf den monatlichen Treffen des Adivasi Netzwerks AMS wählen die Adivasi anhand von Kriterien aus, in welchen Dörfern das Projekt der guten Tat durchgeführt werden soll. Die in den Dörfern aktiven Animator/innen der Adivasi informieren die Dorfbewohner/innen auf den Treffen über gesunde Ernährung und die Idee des Projekts. Haben sich die Dorfbewohner/innen für das Projekt entschieden, wird es mit den Frauen durchgeführt. Die Animator/innen identifizieren gemeinsam geeignete Pflanzen, kaufen und tauschen die Samen und ziehen Samen heran. Die beteiligten Frauen erhalten Informationen zu gesunder Ernährung und Gemüseanbau, erhalten kostenfrei jeweils ein Set Samen und im weiteren Verlauf Beratung und Unterstützung. Die Frauen ziehen auch Samen heran, die an andere Familien weitergegeben werden. So kommt die gute Tat im weiteren Verlauf noch mehr Adivasi-Familien zugute.

Herausforderung

Die erste Herausforderung ist die Akzeptanz der Adivasi. Es ist etwas Neues für die Adivasi zur Verbesserung der eigenen Ernährung Gemüse anzubauen. Solange die Familien und Dorfbewohner/innen nicht über die Zutaten einer ausgewogenen Ernährung Bescheid wissen, die Bedeutung der Ernährung für ihre Gesundheit nicht verstehen und die gesunden Bestandteile bestimmter Gemüse und Nahrungsmittel nicht schätzen, wird für sie ein mit einem Teller Reis gefüllter Magen ausreichend sein. Deshalb ist die Arbeit der Animator/innen so wichtig, zu informieren, aufzuklären, zu beraten, zu begleiten. Dies wird im Projekt berücksichtigt: Mit ausreichend Zeit arbeiten die Animator/innen für die Akzeptanz des Projekts bei den Dorfbewohner/innen. Erst wenn diese hergestellt ist, wird mit dem Gemüseanbau begonnen. Die zweite Herausforderung ist, das Projekt der guten Tat nicht für einzelne Familien, sondern mit dem ganzen Adivasi-Dorf durchzuführen, also jeweils mit mehreren Familien zusammen. Nur dann werden sich die Frauen und Familien beim Gemüseanbau und in der Ernährung mit Gemüse gegenseitig motivieren, beraten, unterstützen. Solidarität und Gemeinschaft werden gestärkt statt durch Neid, Missgunst oder Boykott untergraben. Nur in gemeinschaftlicher Durchführung ist ein nachhaltiger, langfristiger Nutzen gewährleistet. Der gemeinschaftliche Ansatz liegt in den Traditionen der Adivasi und wird von Anfang an in allen Aktivitäten des Adivasi-Netzwerks AMS berücksichtigt.

Notwendigkeit
Aktivität
Zählbare Leistung

Nach ca. 7 Monaten

Ergebnis

Nach ca. 3 Jahren

Systemrelevante Wirkung

Nach ca. 7 Jahren

Gesunde Ernährung für Adivasi (Ureinwohner/innen) in Indien.
Lokales Adivasi Netzwerk kauft oder zieht Gemüsesamen und unterstützt Adivasi Familien mit einem Set von Gemüsesamen sowie mit Beratung und Begleitung.
Anzahl der Adivasi Familien, die Gemüsesamen erhalten und auf ihrem Stück Land Gemüse anbauen.
Höherer Gemüsekonsum und insgesamt gesündere Ernährung bei den beteiligten Adivasi Familien. Rückgang der gesundheitlichen Folgen von Mangelernährung.
Verbesserte Entwicklungschancen für Adivasi Kinder, insgesamt verbesserte Gesundheit der Adivasi.

 

Initiative Transparente Zivilgesellschaft