Wenn aus Kindern Bräute werden

Kinderheirat in Bangladesch

Bangladesch ist ein Land der Rekorde. Es ist mit 156 Millionen Einwohnern der am dichtesten besiedelste Flächenstaat der Welt. Auf einem Quadratkilometer leben dort im Durchschnitt so viele Menschen wie in Deutschland in den Innenstädten der Metropolen. Die größten Flüsse des indischen Subkontinents, Ganges und Brahmaputra, fließen durch Bangladesch. 2014 hat Bangladesch einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde errungen mit der größten Nationalflagge, dargestellt von tausenden von Menschen.
Es gibt auch traurige Rekorde. Die Hauptstadt Dhaka belegt seit Jahren den 2. Platz im Ranking der Großstädte mit der geringsten Lebensqualität weltweit. Auch bei der Frühverheiratung von Mädchen liegt Bangladesch weit vorne: Mehr als 65% der Mädchen werden minderjährig verheiratet, manche schon mit 10 Jahren. Nur Afghanistan und Niger geben ein traurigeres Bild ab.

Hintergrund

Bangladesch hat die dritthöchste Kinderheiratsrate der Welt. Mehr als 65% der Mädchen werden weit vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Ursache dafür ist eine Mischung aus armutsbedingten und sozialen Faktoren. In Bangladesch leben 75% der Bevölkerung von der Landwirtschaft, die meisten sind landlos und betreiben auf gepachtetem Land Subsistenzwirtschaft. 35% hungern chronisch.
Frauen sind in der bengalischen Gesellschaft nicht hoch angesehen. Töchter gelten als "verlorene Investition", da sie nach der Heirat in die Familie des Mannes ziehen. Wenn Eltern also in den Schulbesuch oder in eine Ausbildung ihrer Töchter investieren, profitieren in ihren Augen die Schwiegereltern davon. In Familien mit vielen Kindern und knappen Ressourcen ist es daher erst einmal ökonomisch logisch, der Schulausbildung der Söhne Priorität einzuräumen, da diese im Idealfall bei den Eltern bleiben, dort eine Familie gründen, und die Eltern im Alter mitversorgen. In der Realität geht diese Rechnung oft immer weniger auf, denn viele Söhne ziehen auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen in die Großstädte und lassen ihre sozialen Fürsorgepflichten für die Eltern hinter sich. Meist sind es dann die Töchter, die noch irgendwo in
der Nähe leben und sich um die Eltern kümmern. Ein weiterer Punkt ist die Mitgiftpraxis. Da in armen Familien weiterhin Mitgift von der Familie des Mädchens verlangt wird, müssen sich Eltern oft hoch
verschulden, um diese aufbringen zu können. Je jünger das Mädchen ist, desto höher ist ihr "Wert", da sie in der Blüte ihrer körperlichen Entwicklung steht. Daher sind die Mitgiftforderungen deutlich geringer als bei älteren Mädchen. Hinzu kommt noch die gesellschaftliche Sichtweise auf weibliche Sexualität. Väter und Ehemänner bestimmen über den weiblichen Körper. Die Eltern suchen den Ehemann aus, eine Ehefrau hat keinerlei körperliches Selbstbestimmungsrecht. Ein junges Mädchen, das nicht wartet, bis die Eltern einen Ehemann ausgesucht haben, sondern eigenständig Beziehungen zum anderen Geschlecht knüpft, auch wenn diese noch so unschuldig sind, beschmutzt in den Augen der Gesellschaft die Ehre ihrer Familie. Dies könnte z.B. die Hochzeitschancen weiterer Schwestern erheblich vermindern, und die Kosten für die Mitgift in die Höhe treiben. Sobald ein junges Mädchen die Pubertät erreicht, beginnt in den Augen der Gesellschaft die "gefährliche" Zeit für die Familie, und um einer Beschädigung ihrer Ehre vorzubeugen, wird das mögliche Problem dadurch gelöst, dass man junge Mädchen so schnell wie möglich verheiratet, damit ihre Sexualität im gesellschaftlich sanktionierten Raum stattfindet. Hier wird oft auch massiver sozialer Druck von Nachbarsfamilien und religiösen Autoritäten auf die Familien ausgeübt.

Die gute Tat

Aufklärung ist dringend von Nöten. Eltern müssen wissen, was Kinderheirat psychisch und physisch für ein Mädchen bedeutet, welche gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen sie langfristig für alle Beteiligten hat. Eltern sehen nur den Vorteil, eine Esserin weniger am Tisch zu haben, oft schickt der Ehemann das Mädchen aber nach einiger Zeit wieder zu den Eltern zurück, mit Baby auf dem Arm, denn eine neue Frau bringt ihm eine neue Mitgift. Kinderheirat ist gesetzlich verboten. Religiöse Autoritäten und politische Eliten unterstützen oft die Praxis, die Polizei greift nicht ein. Frauen haben in den Augen der Gesellschaft keinen Wert. Diese Eliten müssen mit eingebunden werden, um Kinderheirat sozial zu ächten. Mit Bildungsstipendien kann ein Schulabbruch verhindert werden, in gebildeten Familien werden keine Kinder verheiratet.

Herausforderung

Kinderheirat wird als "Bestandteil der dörflichen Tradition" gesehen und als solche erst einmal verteidigt. Frauen, die selbst keine Schulbildung haben und auch mit 10 oder 12 verheiratet wurden, müssen ermutigt werden, sich für ihre Töchter in einer Männergesellschaft stark zu machen. Dazu benötigen sie Argumente. Unsere Trainings verdeutlichen, dass sich Kinderheirat ökonomisch nicht lohnt. Wir suchen uns Verbündete unter der dörflichen Elite.

Wenn Mädchen früh verheiratet werden, haben sie meist keine abgeschlossene Schulausbildung. Viele Studien belegen den Zusammenhang von Bildungsmangel und Armut, besonders bei Frauen. In gebildeten Familien gibt es zudem keine Kinderheirat. Wenn Mädchen also die Schule beenden können, anstatt früh verheiratet und schon als Kinder zu Müttern gemacht zu werden, nimmt die Kinderheirat in der Regel in den nächsten beiden Generationen stark ab.

Notwendigkeit
Aktivität
Zählbare Leistung

Nach ca. 7 Monaten

Ergebnis

Nach ca. 3 Jahren

Systemrelevante Wirkung

Nach ca. 7 Jahren

Aufklärung der Dorfbevölkerung über die schädlichen Folgen von Kinderheirat
Informationsstunden durch Mitarbeiter der NRO MATI für Eltern, politische und religiöse Entscheidungsträger, sowie Schulklassen
Anzahl der Menschen, die an den Informationssitzungen zur Aufklärung teilnehmen konnten.
Messbarer Rückgang der Kinderheiraten
Das Mädchenrecht auf Bildung soll sich in den Köpfen der Dorfbevölkerung verankern. Entscheidungsträger im Dorf sollen sich für die Thematik engagieren. Häusliche Gewalt soll thematisiert werden und häufiger gesetzliche Konsequenzen nach sich ziehen.

 

Organisation
Mati e.V.
Vereinsregister-Nr.
VR 3345 /Amtsgericht Wiesbaden
Zertifiziert durch
Initiative Transparente Zivilgesellschaft
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