„Wir wollen weiter zur Schule gehen!“

Bildungsprogramm für junge Frauen in Indien

„Als ich zehn oder elf Jahre alt war, sagte meine Mutter: Ab nächster Woche brauchen wir deine Hilfe im Haus“, erzählt Vaishili aus Kurnool. Das war ein Schock. Denn das bedeutete, dass sie nicht mehr zur Schule gehen sollte und ihre Freundinnen nicht mehr treffen durfte. Zum Glück konnte Frau Faizunnisa Vaishilis Eltern von der Wichtigkeit der Bildung überzeugen. So besucht sie heute die Mädchenschule von SFTTC, dem S.F. Tailoring Training Centre, und macht bald ihren Abschluss. Besonders stolz ist sie auf ihren gelernten Beruf als Henna-Malerin. Ihr Können durfte sie schon unter Beweis stellen: Für ein traditionelles Hochzeits-Henna wurden ihr 1000 Rupien bezahlt – 10 Mal mehr als der derzeitige indische Mindesttageslohn. Auf die Frage, wer alles weiter zur Schule gehen will, heben alle Schülerinnen die Hände. Sogar die anwesenden Mütter.

Hintergrund

Nachdem der indische Subkontinent im Jahr 1947 in zwei unabhängige Staaten geteilt wurde, emigrierte ein Großteil der muslimischen Bevölkerung aus Indien nach Pakistan. Die Muslime, die zurück blieben, konnten sich meist den weiten Weg nach Pakistan nicht leisten. Sie waren dafür zu arm.
Diese rund 160 Millionen Muslime machen heute 13,4 % der indischen Bevölkerung aus und stellen damit die größte religiöse Minderheit im hinduistisch geprägten Indien dar. Im Distrikt Kurnool im Bundesstaat Andhra Pradesh lebten beispielsweise vor der Teilung mehrheitlich Muslime. Nach der Gründung Pakistans wurden sie zur Minderheit und leben heute überwiegend in Slums am Rande der Gesellschaft. Sozioökonomisch gesehen bilden Muslime in ganz Indien das Schlusslicht der Gesellschaft. Auch die Analphabetenrate liegt bei ihnen weit über dem nationalen Durchschnitt. Ein Viertel der muslimischen Kinder zwischen sechs und vierzehn Jahren haben entweder nie eine Schule besucht oder diese abgebrochen (Sachar Committee Report, 2006).
Besonders Mädchen sind die Leidtragenden der Armut. Sie werden in Indien allgemein wenig wertgeschätzt. Da sie nach der Heirat in die Familie des Ehemanns wechseln, sehen die Eltern oft keine Notwendigkeit, in die Bildung von Töchtern zu investieren. In der muslimischen Minderheitengesellschaft werden die Mädchen – sofern sie überhaupt die Schule besuchen – häufig mit Beginn der Pubertät aus der Schule genommen. Sie werden früh verheiratet, um ihre Familie finanziell zu entlasten. Unerfahrene und jung verheiratete Mädchen haben es besonders schwer. Sie werden nicht selten von ihren Ehemännern und deren Familie schlecht behandelt und ausgenutzt.

Die gute Tat

Viele muslimische Familien sehen keine Notwendigkeit in der Ausbildung ihrer Töchter oder können diese schlichtweg nicht finanzieren. Die Mädchenschule im SFTTC Center ist kostenlos. Alle Materialien werden den Schülerinnen frei zur Verfügung gestellt. Mit der heutigen guten Tat bekommt eine Schülerin einen ganzen Monat lang das Material, das für ihre Ausbildung zur Schneiderin, Korbflechterin oder Henna-Malerin benötigt wird. Das sind Schulbücher, aber auch Stoffe, Farben, Garn und vieles mehr. Alles, was die Mädchen im Rahmen ihrer Ausbildung am SSFTC Center anfertigen, können sie verkaufen. So lernen sie, anschaulich zu wirtschaften und verdienen gleichzeitig ein kleines Zusatzeinkommen. Letzteres ist ein wichtiges Argument, um die Eltern vom Schulbesuch ihrer Töchter zu überzeugen.

Herausforderung

Auf die Ausbildung von Mädchen wird oft keinen Wert gelegt. Sie werden mit Einsetzen der Pubertät aus der Schule genommen und früh verheiratet, um ihre Familie nicht weiter finanziell zu belasten. Die große Herausforderung der Schule ist, die Familien permanent von der Notwendigkeit von Bildung und dem finanziellen Nutzen einer Ausbildung zu überzeugen.

Der Besuch des SFTTC Centers ermöglicht den Mädchen schon während der Ausbildung ein Zusatzeinkommen. Damit besteht für die Eltern nicht mehr die finanzielle Notwendigkeit, die Mädchen möglichst früh zu verheiraten. Da das Einkommen und der Beitrag zum Haushalt eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen, können die jungen Frauen sich später besser durchsetzten und eine eigene Stimme im sozialen Leben und in der Familie entwickeln.

Notwendigkeit
Aktivität
Zählbare Leistung

Nach ca. 7 Monaten

Ergebnis

Nach ca. 3 Jahren

Systemrelevante Wirkung

Nach ca. 7 Jahren

Bildung für muslimische Mädchen in Indien
Mädchen werden im SFTTC-Center unterrichtet und erlangen einen Schulabschluss sowie eine Ausbildung als Korbflechterin, Schneiderin oder Henna-Malerin
Anzahl der jungen Frauen, die Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und zusätzlich eine abgeschlossene Berufsausbildung erlangen konnten
Anzahl der jungen Frauen, die ein eigenes Einkommen bestreiten können
Schulabsolventinnen und Mütter bilden ein Netzwerk, sodass weitere Mädchen wie Schwestern, Nachbarinnen und Cousinen von den positiven Erfahrungen der Ausbildung profitieren. Anzahl der Schulabbrecherinnen geht zurück. Anzahl der jung verheirateten Mädchen nimmt ab.

 

Organisation
Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V.
Vereinsregister-Nr.
VR4010B
Zertifiziert durch
DZI-Spendensiegel,
Initiative Transparente Zivilgesellschaft
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